Herdenschutzhund- der süße Eisbär

Herdenschutzhunde

Kaum andere Hunderassen sind so geprägt von Märchen, Mythen, Erwartungen und Ängsten wie Herdenschutzhunde.

Es leben einige Herdenschutzhunde (Mixe) auf den Straßen Rumäniens und in Sheltern. Es ist nicht so einfach für sie ein geeignetes Zuhause zu finden und deshalb gelten sie als „schwer vermittelbar“.

 

Ich selbst, habe so einen Kandidaten daheim. Er kam zur mir zur Pflege und wie es so ist, wir entschieden uns dafür, dass sein Körbchen bei uns für immer bleibt. Ich bin also eine klassische Pflegestellenversagerin

(sein erster Tag bei uns, von Anfang an suchte er die Nähe zu uns)

 

(auch abends wurde gleich gekuschelt mit Herrchen Alex)

„Wie ihr sehen könnt sah Levi zuckersüß, wie ein kleiner Eisbär aus. Diese süßen kleine Eisbären erregen sehr viel Aufmerksamkeit und als Hundefreund schmilzt man natürlich dahin.“

 

 

 

 

Von Anfang an hörte ich Sätze in der Hundeschule, von Spaziergängern und anderen Hundehaltern, wie:

„Das ist ein Herdenschutzhund… weißt du was du dir da antust?“

„Dieser Hund wird eine Waffe!“

„Du musst ihm zeigen wer der Chef ist!“

„Dem Lausbub würde ich das Ohr umdrehen!“,

„Er wird nur gehorchen, wenn er ein Elektrohalsband um bekommt“

Ich war wirklich schon genervt von dieser Art, wie manche Menschen mir und meinem Hund gegenübergetreten sind. Es gab auch körperliche Angriffe, von selbsternannten Hundetrainern. Ich habe festgestellt, diese Leute sagen das und tun das aus Unwissenheit, Furcht oder um zu beweisen, wie gefährlich ein Herdenschutzhund ist.

Für mich war jedoch klar, ich möchte meinen Hund gewaltfrei erziehen. Mal abgesehen davon, was er für einen Start ins Leben hatte, auf den Straßen Rumäniens ohne Schutz, Geborgenheit und mit Hunger. Gerade nach so einem Start braucht er doch die Möglichkeit, sich bei mir sicher zu fühlen?! Ich brauche ihn nicht auf den Boden zu drücken, wenn er Regeln nicht einhält. Nein, ich möchte nicht, dass mein Hund Angst vor mir hat. Ich möchte, dass er mir Vertraut und mich als Freund, auf den man sich verlassen kann und der weiß was richtig ist, wahrnimmt und sich bei uns eingliedert und unsere Regeln daheim und draußen annimmt und umsetzt, wenn ich ihn darum bitte.

Levi, so heißt der Charmeur, war als Welpe freundlich zu allen Hunden und Menschen. Er war zuverlässig abrufbar und verstand sich gut mit unserer Ersthündin.

 

(Freilauf nach 14 Tagen bei uns)

Mit der Pubertät kam immer mehr der Herdenschutzhund zum Vorschein. Er fand entgegenkommende Hunde nicht mehr so wunderbar und baute sich auf. Er versuchte sie mit seinem imposanten Auftreten zu vertreiben.

„Kann ja wohl nicht sein, dass ein anderer Hund es wagt auf seinem Weg zu laufen…..“

Heute weiß ich, dass das normal ist, weil da der Schutztrieb einsetzt.

Fremden Besuch wollte er am liebsten wieder rückwärts durch die Türe schieben. Fremde die sich in seinem Territorium aufhalten? Unmöglich findet er das! Genau genommen führte der Herr sich auf wie Rumpelstilzchen und Zuhause ist er natürlich auch nochmal wachsamer, als draußen.

 

 

Levi hatte schnell eine Schulterhöhe von 73cm und 38 Kg (heute 45KG) erreicht. Ich kam an meine körperlichen Grenzen. Es kam vor, dass er an der Schleppleine einen Sprint einlegte, weil ein Hund seine geforderte Distanz nicht einhielt und ich flog im Sturzflug hinterher. Ja, das waren Momente in denen ich verzweifelt war und nicht mehr weiter wusste. Doch aufgeben war keine Option, also trainierten wir täglich mehr und setzten Hilfsmittel ein, wie ein Halti. Man konnte ihn schon gut mit einem 15 jährigen Obermacho vergleichen, der förmlich überall den Stress suchte. Manchmal war es aber auch zum Schmunzeln und durch seine liebevolle Art waren meine Zweifel wieder erloschen, denn ich wusste, dass die Pubertät einfach Prollgehabe fördert.

Ich lernte andere Halter von Herdenschutzhunden kennen und tauschte mich mit ihnen aus. Ich suchte mir eine Trainerin als Unterstützung, welche Herdenschutzhunderfahrung hat und gewaltfrei trainiert- das war gar nicht so einfach. Wir fanden Elisabeth mit ihrer Hundeschule „Anders Artig“ aber doch.

Wir haben viele Fortschritte gemacht. Ich habe besser hündisch (also die Körpersprache der Hunde zu lesen) gelernt, achte mehr auf seine Bedürfnisse und verlange von ihm- „kein fixieren und pöbeln.“

 

 

 

 

Nun um die Rassen besser kennen zu lernen, fangen wir mit dem Ursprung der Rassen und der Charakterbeschreibung an:

Herdenschutzhunde wurden seit Jahrhunderten für den Schutz von Weidetieren gehalten und selektiert. Sie sind selbstbewusste und eigenständige Hunde. Sie sollten von Anfang an ohne den Menschen arbeiten und ihn als letzten Entscheider akzeptieren. Heute arbeiten sie immer noch allein aber im Hundeteam, also mehrere Herdenschutzhunde, ohne Zweibeiner an einer Herde. In ihren Herkunftsländern begleiten sie zum Teil auch noch ganz ursprünglich wandernde Hirten.

Ihre primäre Aufgabe besteht darin, die Herde vor Eindringlingen zu schützen. Sie versuchen erst lautstark die Bedrohung zu vertreiben und im Ernstfall verteidigen sie die Herde nach Ausschöpfen aller körperlichen Droh- und taktischen Möglichkeiten, auch körperlich.

Durch den Einzug des Wolfes in Mitteleuropa, wird auch hier wieder vermehrt auf Herdenschutzhunde gesetzt.

Sie haben also einen sehr stark ausgeprägten Schutztrieb und ein starkes Ressourcenverteidigungsverhalten. Sie sind auch wenn sie dösen immer aufmerksam, damit sie alles registrieren was ihr zu schützendes Gebiet und ringsum geschieht.

In einem privaten Zuhause heißt das: auch seine bekannte Spazierroute, zählt er zu seinem Territorium. Herdis sind misstrauisch und reserviert Fremden gegenüber. Dennoch bauen sie eine sehr innige Bindung zu ihren Haltern (Familie) auf. Sie sind sehr ursprüngliche Hunde und achten sehr auf die Körpersprache des Menschen und des Hundes.

Man kann nicht die Charaktereigenschaften pauschalisieren, denn es gibt mehr als 30 verschiedene Herdenschutzhundrassen, welche sehr unterschiedlich sein können.

Bei unseren Herdenschutzhunden in Rumänien fließen verschiedene Rassen mit ein und wir kennen oft die Elterntiere nicht, weshalb wir immer von einem Herdenschutzhund Mix sprechen.

Herdenschutzhunde sind sehr groß und schwer. Ein Carpatin kann eine Schulterhöhe von ca. 80cm und ein Gewicht von 60kg erreichen. Das ist schon eine sehr beeindruckende Erscheinung. Sie sind meist gemütlich unterwegs, was den Anschein erweckt sie seien tiefen entspannt. Dabei können sie aber blitzschnell reagieren und hohe Geschwindigkeiten im Kurzstreckensprint erreichen. Auf langes konstantes Tempolaufen über weite Strecken würden sie nie kommen. Da belasten sie ihre Gelenke zu sehr mit der ausgeprägten Muskelmasse.

 

Sie können als Familienhunde gehalten werden. Auch kann man sie mit anderen Tieren wie Katzen halten. Dennoch muss man das Gewicht beachten. Es kann schon passieren, dass er ungewollt das Kind umschmeißt. Doch wann der richtige Zeitpunkt des Einzuges ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Der HSH liebt seine Familie bedingungslos und würde es nicht zulassen, dass jemand seinen Liebsten böses tut oder unerlaubt auf das Grundstück geht, wenn er gelernt hat, dass ihm freundlich und respektvoll begegnet wird. Vertrauen dahin aufzubauen, kann bei Hunden aus dem Tierschutz schon etwas länger dauern und geht oft auch mit Brummen oder mal deutlicherem Warnen einher.

 

Was braucht ein Herdenschutzhund?

Er möchte wachen und schützen. Deshalb ist es wichtig dies zu berücksichtigen. Der Garten sollte komplett eingezäunt sein und nicht nur 1m hoch, sondern mind. 1,50m. Es wäre nicht fair gegen seine Gene zu arbeiten. So wie es nicht fair wäre einem Jagdhund, komplett das Jagen zu verbieten. Man sollte auf die Bedürfnisse eingehen, so dass kein Frust auf der Hundeseite und kein Frust auf der Halterseite entstehen. Man kann nicht sagen dass das Großstadtleben nichts für den HSH wäre. Er kann sich durchaus damit arrangieren, wenn auf seine Bedürfnisse eingegangen wird. Er braucht auch nicht zwingend ein Häuschen im Nirgendwo. Jeder Hund ist anders, deshalb sollte man versuchen, die Bedürfnisse von seinem Hund (oder der Tierschutzverein) heraus zu finden und auf sie einzugehen.

Ein HSH muss viele Kriterien erfüllen um tatsächlich arbeitstauglich zu sein, zum Beispiel sollte er auf Nutzvieh geprägt sein, im Idealfall sogar in einer Herde geboren.

Das ist oft nicht der Fall bei den Hunden im Tierschutz. Sie sind nicht geeignet für die Arbeit an der Herde, auch wenn sie sicher, zumindest manche Spaß daran haben vorübergehend im Garten auf gesicherte Nutztiere aufzupassen. Den Familienanschluss benötigen sie trotzdem. Und Auslastung erfolgt privat dann eben über Kopfarbeit, Spaziergänge oder in der kontrollierten Aufsicht über Haus und Garten.

Sie brauchen ein gelassenes und empathisches Frauchen/ Herrchen. Die Regeln aufstellen und auch mit liebevoller Konsequenz auf die Einhaltung achten. Ist dies nicht gegeben sind die Hunde verunsichert und nehmen ihren Halter nicht als vertrauenswürdig oder verantwortungsvoll wahr. Würde der Halter mit Gewalt seinem Hund gegenüber treten, könnte dies Gegenaggression verursachen, egal was für eine Rasse in dem Hund steckt.

 

Fellpflege:

Das Fell des HSH ist pflegebedürftig, je nach Rasse. Es ist selbstreinigend und wechselt deswegen je nach Wetterlage ganzjährig. Es sollte im Normalfall nur des Öfteren gebürstet werden. So vermeidet man Filz, Entzündungen der Haut, aber belässt die wasserabweisende und vor Sonne schützende ursprüngliche Wirkung. Ein Herdenschutzhund riecht auch bei nassem Fell normalerweise nicht muffig, sondern eher neutral. Vermutlich liegt das am enthaltenen Lanolin.

Anforderungen an einen HSH Halter:

Wie bei jedem anderen Hund, sollten finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Ein HSH ist gegenüber jagenden Großhunden im Futter nicht so teuer, da er nur frisst, was er verbraucht und auch genetisch eher auf das verwerten kleinerer Protein bzw. Energiequellen angepasst ist. Bekommt er zu viel Energie übers Futter kann das schon zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Als ob man einem Kleinkind Cola gibt….

Ihr solltet idealerweise Hundeerfahrung haben und einigermaßen die Hundesprache verstehen können oder euch darin weiterbilden. Ihr solltet auch selbst eine gewisse Größe und Gewicht haben oder euch mit Umlenksignalen bzw. Physik auskennen, um den Hund auch halten zu können. Wichtig ist es, das Lernbereitschaft vorhanden ist und Durchhaltevermögen. Denn es sitzen nicht umsonst viele Herdenschutzhunde im Tierheim, weil die Pubertät nicht reibungslos verläuft. Sie verläuft über 4 Jahre und das auch noch eher wellenförmig und nicht hintereinander weg, da braucht es einen langen Atem. Ihr solltet ausreichend Zeit für ihn haben und ein ruhiges Umfeld trägt zum Wohlbefinden bei. Natürlich wird sowas mit uns in einem persönlichen Gespräch besprochen.

Ich hoffe, ich konnte euch einen Einblick geben und die Rassen etwas näherbringen.

Die HSH sind keine Bestien, die nicht erziehbar sind. Sie sind Hunde, die für ihren Halter durchs Feuer gehen würden. Leider werden die Rassen in den Medien oft als aggressiv und äußerst gefährlich dargestellt.

Dabei müssen wir nur viel achtsamer mit ihnen umgehen und ihnen den Raum gewähren den sie benötigen. Nicht jeder Hund mag es gestreichelt zu werden. Wir umarmen auch nicht jeden 😉

Jeder Hund ist ein Lebewesen dem Liebe, Respekt, Fürsorge und Geborgenheit zusteht. Oft müssen manche von ihnen Schlimmes erleben und werden dann verurteilt, wenn es Übergriffe auf Menschen oder Hunde gibt. Wir sollten immer hinter die Fassade schauen, um uns ein Urteil bilden zu können.

Eure Svenja von Streunerfreunde Lugoj e.V.